Glück auf! - von Neubau-Dampfloks und Harzkamelen

Hallo zusammen! :)


Zugegeben - mit etwas Verspätung - wollte ich Euch noch viele Grüße aus dem Harz senden. Mitte November hatten wir eine Hochschul-Exkursion der besonderen Art - so konnte ich all die lieben Kommilitonen wiedersehen. Aus der modernen Welt der HYPEBAHN.. ähm HOCHBAHN entschwand ich also eine Woche und tauchte für einige Tage in eine wirklich konträre Welt ein.


Die Hochbahn hat frisch den ersten reinen Elektrobus und ich war derweil bei einem Eisenbahnverkehrsunternehmen zu Gast, deren sogenannten Nebau-Lokomotiven aus der Mitte der 50er-Jahre stammen - die sogenannten Neubau-Dampfloks. Die ältesten einsatzfähigen Dampfloks stammen sogar aus dem Jahr 1897. Es ging - na klar - zu den Harzer Schmalspurbahnen! :lok:


Auf einem Streckennetz von 140km auf Meterspur dampfen heute noch täglich Züge im Regelverkehr der Harzer Schmalspurbahnen (HSB) zwischen Wernigerode, Nordhausen und Quedlingburg auf Harzquerbahn, Selketalbahn und Brockenbahn. Die bekannteste Verbindung führt auf den Brocken, sicher war der ein oder andere da schon einmal. :)


Darüberhinaus kennt man vielleicht aus dem ÖPNV noch das Nordhäuser Modell - in Nordhausen hat die Straßenbahn auch Meterspur und so fahren Zweisystemstraßenbahn mit zusätzlichem Dieselmotor auf das Netz der HSB von Nordhausen aus ins Umland.


Wir konnten die Harzer Schmalspurbahnen unternehmerisch kennenlernen - wir hörten Vorträge über das Unternehmen generell, über Herausforderungen im Marketing (verkauft mal einem Nicht-Eisenbahnfreund eine Bahnfahrt, die dreimal so teuer, dreimal so langsam und dreimal so selten fährt wie der parallele Bus, der mit Kurkarte für Übernachtungsgäste quasi umsonst benutzt werden kann), über das Kollisionswarnsystem (echte Lichtsignale stehen nur zwischen Wernigerode und Brocken und dort wo die Nordhäuser Straßenbahn fährt, anderswo wird mit Fahrtanfragen gearbeitet, wobei der Fahrdienstleiter dann auf einem riesigem Blatt malt, wo welcher Zug ist), besichtigten Werkstatt, Verkaufs- und Betriebseinrichtungen und dampften auf den Brocken! :lok:


Ich habe mich sehr gefreut, mal wieder dort zu sein. Als Hildesheimer (das ist bekanntlich bei Hannover:attention:) war der Harz immer um die Ecke, so kenne ich die Harzer Schmalspurbahnen schon sehr lange. Im Frühjahr 2018 war ich dort übrigens ganze drei Wochen im Praktikum, um mir den Laden mal ganz genau anschauen zu können. Jetzt kennt auch mein Semester diese besondere Eisenbahn! :)


Vorallem habe ich mich gefreut, wieder einmal auf dem Brocken zu sein - und das sogar ohne Anstrengung, denn in jungen Jahren bin ich für fast ein ganzes Jahr an beinahe jedem Wochenende da hochgelaufen - je nach Weg entweder sieben Kilometer pro Strecke bei 330 Höhenmetern oder zwölf Kilometer pro Strecke bei 891 Höhenmetern. :doesnthear:


Natürlich habe ich auch ein paar (wenige) Bilder gemacht, die ich gern zeigen möchte! :)


In Wernigerode-Westerntor dampft die Neubau-Dampflok in den Bahnhof hinein. Von hier fahren wir knapp zwei Stunden und 35 km bis zum Brocken - von 235 Höhenmeter auf 1125 Höhenmeter! Links sind abgestellte Wagen und Lokomotiven im Bahnbetriebswerk des Bahnhofs Westerntor zu sehen.


Das Wetter auf dem Brocken - 900 Meter höher - ist wie ich es kenne: Sehr kalt, sehr windig, Sicht gleich null. Zum Glück haben wir als Gruppe nicht den typischen Fehler der Dampfloktouristen begangen: Zu dünn anziehen. Das bereut man da sehr schnell sehr bitterböse. :doesntsee: Der Gipfel ist oberhalb der Baumgrenze, es herrscht alpines Klima und weil drumherum keine ähnlichen Berge sind (wie in den Alpen), ist das Wetter dort innerhalb Deutschlands mit am heftigsten überhaupt. Extrem starke Winde und 330 Nebeltage pro Jahr (Deutschland-Rekord!) lassen den Berg nicht umsonst mystisch wirken. Immerhin handelt es sich hier um den bekannten Blocksberg!


Auch das Bahnhofsgebäude wirkt wie verhext. :ghosty:


Im Brockenhaus waren wir zum klassischen Brockengericht - Erbseneintopf mit Wurst - geladen und konnten das Brockenhaus erkunden. Wahnsinnig war zum Beispiel die Aussichtsplattform ganz oben im Hause:

:P :P :rofl:


Von außen sieht das Haus so aus:


Es befinden sich neben den Restaurants und der Aussichtsplattform noch ein Hotel dort drin, in einem Theatersaal wird Goethes FAUST aufgeführt - immerhin spielt sich die Handlung auf dem Blocksberg ab und Goethe selbst wanderte ebenfalls auf den Brocken.


Für einen Gang zum höchsten Punkt auf dem Brocken war leider keine Zeit mehr. Den bekannten rot-weißen Sendemasten, den man mit 115 m Höhe eigentlich nicht übersehen dürfte, war aufgrund des Nebels schlichtweg überhaupt nicht zu sehen.


Am nächsten Tag waren wir in der Werkstatt unterwegs:



Äußerst wuchtig sind die sogenannten Harzkamele. Diese V100-Dieselloks aus der DDR wurden für Normalspur gebaut und dann umgespurt - deswegen sind sie eigentlich überdimensioniert. Die zusätzlichen Puffer auf der merkwürdigen Höhe sind dafür gedacht, wenn diese Loks gelegentliche Güterzüge ziehen. Im Harz gibt es den Steinbruch Unterberg auf der Selketalbahn, von wo die Steine abtransportiert werden. Dafür werden normalspurige Güterwagen im sogenannten Nordhäuser Übergabebahnhof in einer speziellen Gleiseinrichung auf Rollböcke gefahren und dann von dieser V100 zum Steinbruch und zurück transportiert. Weil die Wagen bedingt durch die Rollböcke natürlich erhöht sind, brauchen sie auch die standardmäßige Kupplung samt Puffer in zusätzlicher Höhe.


Das ist bloß ein Blick durch die Halle - von Diesel- über Dampfloks und Triebwagen bis Reisezugwagen wird hier alles instandgehalten. Leider musste ich hier die Köpfe der Gruppe abschneiden. :!


Dabei ergeben sich auch manchmal neue Einblicke in eine Lokomotive. Links ein Reisezugwagen, rechts eine kleine Rangierlok.


Einer der ältesten Triebwagen von 1933, leider derzeit nicht einsatzbereit.


Entsprechende Einrichtungen zum Heben der Fahrzeuge sind natürlich auch da. Die auf dem Foto abgebildete Lok 99 222 von 1931 ist übrigens die erste der sogenannten Neubau-Dampflokomotiven (die weiteren Neubau-Dampfloks kamen meist erst in den 50ern).


An der 99 222 ist gerade eine Achse ausgebaut. 9.9


Das Einsatzgebiet diese 99 6001 von 1939 ist üblicherweise die Selketalbahn ab Quedlinburg.


Ein Schnappschuss von außen mit Blick auf das Bahnbetriebswerk.


Ein verschneiter Neubautriebwagen aus den 90ern. Davon hat die HSB vier Stück, die 1999 von der DB gebaut worden sind und in der Innenausstattung auch an die typische DB erinnern (z.B. klassisches DB-Sitzpolster). Mit diesen Triebwagen werden u.a. die Relationen auf den schwach ausgelasteten Abschnitten im Selketal und Relationen ergänzend zur Straßenbahn Nordhausen gefahren. Diese Triebwagen sind übrigens sogar in Doppeltraktion fahrbar.


Interessant: Weil die Triebwagen den Bahnhofsvorplatz in Nordhausen befahren, um an der dortigen Straßenbahnhaltestelle enden zu können, sind die Fahrzeuge nach BOStrab zugelassen. Es gibt einen Knopf im Führerstand, der mit "BOStrab" beschriftet ist. Aktiviert man diesen, leuchten bei einer Bremsung am Zugschluss Bremslichter auf und statt des Horns läutet nun eine Klingel. Blinker hat das Fahrzeug aber nicht - vermutlich braucht es die nicht, denn in Nordhausen fahren die Fahrzeuge nur geradeaus auf den Bahnhofsvorplatz, aber nicht weiter, es wird also nicht abgebogen.


Kurz vor Ende der Exkursion sehen wir hier eine V100, die als Rangierlok einen Zug im Bahnhof Wernigerode bereitstellt. Die Rangierlok ist jeweils morgens unterwegs und drückt alle Wagenparks aus der Wagenhalle in den Bahnhof. Direkt neben dem Bahnhof ist dann die Einsatzstelle der Dampflokomtiven, die hier frisch Kohle und Wasser bekommen, dann an den Zug ankuppeln und ihre Fahrt starten. Der Rangierer kuppelt gerade ab. Damit die Wagen während der Standzeit nicht auskühlen, werden sie per Schlauch am Gleis an die Dampfheizung angeschlossen. Hier ist auch nochmal schön zu sehen, wie überdimensioniert die Lok im Gegensatz zu den Wagen ist.


Damit war unsere Exkursion zu Ende. Der Einblick war spannend und einzigartig - es ist irgendwo noch ein Relikt der DDR-Reichsbahn, einzigartig (auch betrieblich) alt und hat (z.B. marketing-technisch, s.o.) ganz andere Herausforderungen zu bewältigen als ein "normales" Eisenbahnverkehrsunternehmen.


Ich hoffe, die kleine Bildergalerie hat Euch gefallen! :)


Viele Grüße - wieder aus Hamburg (aber gerade durch den Dauerregen ähnlich ungemütlich wie auf dem Brocken..) :doesntsee: