Gegen den Strom...

Wann geht es endlich weiter? - Diese Frage stellt sich leider oft bei der Berliner Straßenbahn aus verschiedenen Gründen. Entweder man fährt gerade nicht am Stau vorbei (Invalidenstraße - Lass uns mal schauen, wieviele Bahnen im Berufsverkehr in Reihe in die Straße passen...) oder dank des "Beschleunigungsprogramms" warten sich tonnenweise gehärteter Stahl und liebevoll verarbeiteter Kunststoff die Räder in den Wagenkasten (Vorrangschaltung? Was ist das? - Berliner Verkehrsverwaltung, 2019). Oder plötzlich ist der Saft weg.


So gesehen und geschehen im sympatischen Bezirk am Zusammenfluss von Spree und Dahme. Köpenick. Die Stadt, die dafür bekannt geworden ist, dass ein gewisser Heinz Rühmann oder Harald Juhnke im Jahr 1906 die Stadtkasse unter Vorspiegelung falscher Tatsachen entwendet haben soll, stand von einem Kurzschluss zum anderen ohne Energie da. Keine Ahnung, auf was die tapferen Bewohnerinnen und Bewohner der grünen Lunge der Hauptstadt vorbereitet werden sollen, aber zuerst sperrt man ihnen vollkommen überraschend mit der Salvador-Allende-Brücke eine wichtige Nord-Süd-Verbindung. Man munkelt, dass das rissige Stahlbetonüberführungsbauwerk nur noch aus Gründen postsozialistischer Pflichterfüllung die Ufer der Müggelspree an dieser Stelle zusammenhielt. Und dann wühlt sich in Vorbereitung der Instandsetzungsarbeiten ein gigantischer Bohrer ins Erdreich. Leider waren dem wütenden Riesenwerkzeug ein paar nicht unerhebliche Leitungen im Weg. Puff. Spratzel.


Puff? Spratzel?


Ja, leider. Plötzlich saßen am Nachmittag des 19.02.2019 33.000 Haushalte und mehrere tausende Gewerbeeinheiten im Dunkeln, was bei Einbruch (Stichwort!) der Dunkelheit die Siuation unnötig verschärfte. Zugleich wurden nicht unerhebliche Teile des Köpenicker Straßenbahnnetzes von der Elektrizität getrennt. Keine Straßenbahnen zum Krankenhaus Köpenick oder zum Ortsteil Wendenschloss. Damit saßen auch die Kolleginnen und Kollegen des Betriebshofs Köpenick ohne das Arbeitsmittel "Strom" da. Auch auf der Grünau-Schmöckwitzer-Uferbahn zwischen S-Bhf Grünau und Alt-Schmöckwitz (Linie 68) ging nichts mehr. Die Wagen fuhren daher nur zwischen S-Bhf Köpenick und S-Bhf Grünau.


Das klingt erst einmal unkompliziert, denn am S-Bhf gibt es eine einfache Wendeschleife. Nur leider ist diese in Richtung Alt-Schmöckwitz ausgerichtet. Züge, die vom S-Bhf Köpenick kommen, müssen daher rückwärts durch die Schleife fahren, um die Rückfahrt anzutreten.


Wagen 1542 wartet am Nachmittag des 20.02.2019 auf seine Rückfahrt nach S-Bhf Köpenick. Um an diese Position zu gelangen, musste er nach seiner Ankunft rückwärts durch die Schleife. Auch wenn es auf dem Bild anders aussieht, ist Wagen 1542 der "Erste" und der unbekannte Wagen dahinter ist die Nummer Zwei.


Fahrten aus Richtung Alt-Schmöckwitz kommen auf dem hinteren Gleis von rechts ins Bild. Sie fahren dann über die Weiche nach rechts vorwärts durch die Schleife und fahren dann auf dem vorderen Gleis am Betrachter vorbei zurück nach Alt-Schmöckwitz. Züge aus Richtung S-Bhf Köpenick halten auf dem vorderen Gleis, fahren dann rückwärts hinter den Passanten durch die Schleife und können die Pausenzeit z. B. dort verbringen, wo Wagen 1542 aus dem Wald herauslugt.



Wagen 1542 ist zur Abfahrtzeit rückwärts aus der Schleife herausbugsiert worden, um an der "provisorischen" Abfahrhaltestelle die wartenden Fahrgäste für die Rückfahrt nach Köpenick aufzunehmen. Normalerweise hält hier nur der Nachtbus.

Diese Rückwärtsfahrt verlangt vom Fahrpersonal besondere Aufmerksamkeit, denn der Wagen wird nicht nur ins "Gegengleis" bewegt und damit entgegen der "Regelrichtung", sondern auch im "Gegenverkehr" der übrigen Verkehrsteilnehmer. Gut zu erkennen ist, dass der Fahrer den (Rück-)Fahrerstand aufgeklappt hat, um den Wagen "von hinten" zu bewegen. Damit braucht es keinen Rangierer und die Rückwärtsfahrt ist weniger personalaufwändig. Auch sieht man, dass die Straßenbahn über die auch vom PKW bekannten weißen Rückfahrlichter verfügt. Sie gehören zu den technischen Einrichtungen, über die alle Straßenbahnen verfügen, die am Straßenverkehr teilnehmen. Sie gehören aber nicht zu den in § 40 Abs. 2 BOStrab ausdrücklich genannten Signaleinrichtungen, denn diese sind nach dem Gesetzestext:


§ 40 Abs. 2 BOStrab


2) Bei Fahrzeugen straßenabhängiger Bahnen müssen vorhanden sein:


1. Geber für das Zugsignal Z 1 (Spitzensignal), wobei die beiden unteren Leuchten des Zugsignals Z 1 als Scheinwerfer ausgeführt sein müssen, die

a) den Gleisbereich ausreichend beleuchten können,
b) sich gleichzeitig und gleichmäßig abblenden lassen,
c) sich nicht unbeabsichtigt verstellen können,

2. an der Rückseite, bei Zweirichtungsfahrzeugen an beiden Seiten, Geber für das Zugsignal Z 2 (Schlusssignal), das Zugsignal Z 3 (Bremssignal) und zwei rote Rückstrahler,
3. Geber für das Zugsignal Z 4 (Fahrtrichtungssignal) an beiden Längsseiten mindestens vorn und hinten,
4. Geber für das Zugsignal Z 5 (Warnblinksignal) an beiden Längsseiten mindestens vorn und hinten, die im gleichen Takt blinken müssen.


Das Rückfahrlicht muss dort auch nicht ausdrücklich genannt werden, denn bezogen auf die Fahrtrichtung des Wagens dürfte es sich aus der Kombination aus der weißen Liniennummer und den weißen Rückfahrlichtern um das Spitzensignal Z 1 handeln, welches anzeigt, dass sich das Fahrzeug auf den Betrachter zubewegt.


Früher genügte in Berlin für das nach der BOStrab vorgeschriebene Spitzensignal Z 1 die Kombination aus den Abblendlichtern an der Front und der Linienbezeichnung. Erst in den letzten jahren hat die in Berlin für die Fahrzeugzulassung berufene Technische Aufsichtsbehörde (TAB) die Anforderungen verschärft und lässt seither die Linienbezeichnung als "drittes" Spitzensignal nicht mehr genügen. Daher wurden die älteren Fahrzeuge (außer KT) mit der dritten "Grubenlampe" in Dachhöhe nachgerüstet und die neuen Flexities mit drei Spitzenleuchten ausgeliefert.


Die Nachtbushaltestelle musste möglicherweise deshalb ersatzweise herhalten, weil schon hinter diesem Trenner Schluss mit Strom war. Derartige Trenner "trennen" verschiedene Speiseabschnitte voneinander, um z. B. bei Bauarbeiten den Strom punktuell, also in ausgewählten Netzabschnitten, abschalten zu können. In diesem Fall dürfte dürfte der Speiseabschnitt im Bild links vom Trenner derjenige gewesen sein, der vom Stromausfall betroffen war. Damit war den Wagen die Zufahrt zu den Originalhaltestellen am S-Bhf Grünau verwehrt. Es handelt sich dabei aber nur um eine Vermutung, da es auch andere betriebliche Ursachen gehabt haben könnte, warum man die Wagen nicht bis zu den Originalhaltestellen vorrücken ließ.



Kurzfristig wurden auch Aushänge an den Haltestellen angebracht, um auf die Unterbrechung hinzuweisen...



Dieser Bus schien mir aus den Gründen des Ersatzverkehrs auf Fahrgäste zu warten. Der Gefäßgröße nach zu urteilen, wurde er von der Buslinie 168 abkommandiert, welche auf einem kurzen Stück Alt-Schmöckwitz mit Rauchfangswerder verbindet. In jedem Fall hat man nach einer Lösung gesucht, wie man die LInie 68 während des Stromausfalls bis nach Schmöckwitz ersetzen kann. Löblich. Wie wohl insgesamt das Verhalten der Köpenicker und Köpenickerinnen, die auf den Stromausfall besonnen reagiert haben, sich gegenseitig halfen und Hilfe erhielten. Hoffen wir, dass uns das in diesem und vor allem größerem Maßstab erspart bleibt.


Schon allein, weil die von uns allen so geschätzte Straßenbahn dann im Depot bleiben muss. Ohne Volt is halt nix los.


Beim nächsten Mal geht es wieder mehr ins Zentrum...


Grüße vom Lotushof

Comments 4

  • Alles Klar da ist/war ja was los

  • Mit deiner Vermutung bezüglich des Trenners liegst du goldrichtig. Dahinter war kein Strom mehr. Das hatte die Leitstelle immer wieder durchgesagt, dass "AUF KEINEN FALL IN DIE ORIGINALHALTESTELLE GEFAHREN WERDEN DARF".


    Im übrigen war auch die Oberleitung in der gesamten Altstadt stromlos. Man hatte kurzer Hand einen Trenner überbrückt und so den Strom für die Altstadt aus einem Nachbarabschnitt durchgeschleift. Aus diesem Grund durften auch alle Züge nur mit geringstmöglicher Fahrstufe fahren um den nun deutlich größeren Stromabschnitt nicht zu überlasten.


    PS: Die Busse auf der 168 sind noch kleiner :D (MB Sprinter).Der von dir gezeigte fährt standartmäßig auf der 363. Was für ein Fahrzeug die als Ersatzverkehr genommen haben weiß ich aber nicht, nur das die 168 bis Grünau verlängert wurde.

    • Vielen Dank für die ergänzenden Hinweise. Und damit haben wir zugleich geklärt, dass Trenner eben nicht nur trennen, sondern auch verbinden/überbrücken können.


      Bei so einer Ansage der Leitstelle ist es kein Wunder, dass die Kollegen einen gehörigen Abstand zum Trenner hielten...

    • Meinen Informationen nach wurde für's Erste die Linie 168 über Alt-Schmöckwitz bis zum S Grünau verlängert.