Kein Aprilscherz - Keine Straßenbahn

01.04.2019 - Keine Straßenbahn, nirgends. Seit ca. 3.00 Uhr streiken die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des sympathischen Infrastrukturunternehmens zwischen Spree, Dahme, Panke und Havel. Kein Gedanke an die Krumme Lanke, kein Flegel kam nach Tegel. Zwar fuhren noch S- und Regionalbahnen, aber durch den Stillstand bei Omnibus, Straßen- und U-Bahn war ein erheblicher Teil des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) Berlins lahmgelegt. Ich selbst bewege mich zwar in der Regel auf zwei Rädern durch die Stadt, aber eine mit Autos verstopfte Stadt macht schlichtweg keinen Spaß und man merkt mal wieder, was so eine Metropole an der guten, alten BVG hat. Dazu kamen auch viele Radlerinnen und Radler (Radelnde), die nicht nur herumkurvten als säßen sie das erste Mal wieder auf einem Drahtesel, sondern als hätten sie bis vor Kurzem nicht mal bemerkt, dass es sowas überhaupt gibt.


Für diesen Blog ist natürlich relevant, dass seit den frühen Morgenstunden etwas nicht zu sehen war: die Straßenbahn. Allerdings wäre es falsch von einem "straßenbahnlosen Tag" zu sprechen. Erstens fuhr bestimmt heute irgendwo eine Straßenbahn herum (Grüße von hier aus auch nach Rüdersdorf und Woltersdorf, deren Betriebe aus Berlin keine vollkommen straßenbahnfreie Stadt machten), zweitens wird ja wohl in den sehr frühen Morgenstunden Straßenbahnbetrieb geherrscht haben. Heute gab es aber die Besonderheit, dass die nächtlichen Metrolinien nicht tapfer bis in die Morgenstunden durchmachten, sondern sämtliche Züge in die Höfe einrückten.


Kurzum: An diesem ersten April fuhren wenigstens für drei Stunden Straßenbahnen, so dass bei hypergenauer Betrachtung kein "straßenbahnloser Tag" vorliegt.


Wer erinnert sich nicht an den Tag, der tatsächlich als "straßenbahnloser Tag" in die Geschichte eingegangen ist:


"09.09.1923


Als Folge der Inflation wird eine neue Unternehmensform eingeführt. Die kommunale Straßenbahn wird in eine Gesellschaft beschränkter Haftung (GmbH) umgewandelt. Aus diesem Anlass fährt an diesem Tag keine Straßenbahn mehr. Er geht als 'straßenbahnloser Tag' in die Berliner Verkehrsgeschichte ein."
zit. aus Demps/Mewis/Meyerhöfer, Hohenschönhausener Kalenderblätter, Heft 13/Okt 2009, "Die Elektrische nach Hohenschönhausen", S. 20.


Morgens in Berlin-Steglitz. Die Straßen sind wegen des Warnstreiks voller. Der Bus eines privaten Subunternehmens der BVG fuhr eigentlich, aber sorgte nun für zusätzlichen Stau, nachdem es wohl zu einem Unfall mit einem PKW gekommen ist. Die Poizei, die heute sicherlich mehr zu tun hatte, ist bereits vor Ort.


Ortswechsel. Wo sich am Alexanderplatz die Fahrgäste der M4, M5 und M6 drängen, herrschte heute allgemeines Desinteresse. Es wollte auch keiner mit aufs Rad...


In der Gleisschleife am S-Bhf Hackescher Markt gab es heute ebenfalls nix zu sehen, obwohl es von dieser Stelle diverse Fotos gibt. Denn immerhin spiegelte sich gerade an dieser Stelle der ständige Wechsel im Wagenpark. Die Anlage selbst ist durchaus bemerkenswert, da viele Städte aus Platz- und Kostengründen auf derart großzügige Aufstellanlagen in City-Lage verzichten.


Mal Gelegenheit im Gleisbereich herumzugeistern. So sieht es aus, wenn man auf Gleis 1 auf seine Haltezeit wartet. In Berlin sind die Gleise der Schleifen von links nach rechts nummeriert. Auf Gleis 1 nimmt die Linie M5E (S-Bhf Hackescher Markt <> Hohenschönhausen, Zingster Str.), auf Gleis 2 die M6 nach Hellersdorf, Riesaer Straße und auf den Gleisen 3 und 4 (ganz rechts im Bild) die M4 nach Falkenberg bzw, Hohenschönhausen, Zingster Straße Haltezeit. Zugleich sieht man auf dem Bild eine der im Netz durchaus bemerkenswerten Stellen, an denen die Oberleitung der Straßenbahn an den Hauserwänden befestigt ist.


An diesem Bild sieht man nicht nur sehr schön die typischen Abriebspuren auf den Gleisen, sondern auch ein Grenzzeichen (Signal Sh 6): Kennzeichnet die Grenze, bis zu der bei zusammenlaufenden Gleisen das Gleis besetzt werden darf. Wer hier mit der Nase zu weit vorfährt, riskiert vom Zug des Nachbargleises ungeplant berührt zu werden. Unangenehme Folgen kann es auch haben, wenn zwei Züge an dieser Stelle gleichzeitig losfahren.


Einfahrt in die Haltestelle am U-Bhf Oranienburger Tor. Da wir hier auf dem Linienweg der M1 sind, passt es auch wieder zu LOTUS. In der Oberleitung hängt das Weichensignal St 2, d. h. selbst für den Fall, dass die vorausliegende Weiche (hinten am Ende der Haltestelle) durch einen Zug besetzt ist, kann der unterhalb des Weichensignals liegende Kontakt überfahren werden, da der gelbe Balken anzeigt, dass der Weichenbefehl gespeichert wird. Fehlt der gelbe Balken muss der nachfahrende Zug vor dem Signal warten. Beim Wiederanfahren sollte man den Sollwertgeber rechtzeitig wieder (jedenfalls) in Nullstellung bringen, da sich direkt hinter dem Weichensignal ein Trenner befindet (Signal St 7, weißes T auf blauem Grund). Bei Überfahrt mit eingeschaltetem Fahrstrom droht der Rauswurf des Hauptschalters und ein kleiner Lichtbogen in blau.... Letzteres kann auch passieren, wenn ein Zug in Bremsstellung den Trenner passiert, da die Stromrückführung beim Bremsen einen ähnlichen Effekt haben kann.


Weidendammer Brücke. An dieser Stelle überquert die M1 hinter dem S+U-Bhf Friedrichstr. die Spree Richtung Oranienburger Tor. Die Brücke darf von Straßenbahnen nur mit max. 10 km/h überquert werden (Signal G 2 a, Kennziffer "1"; 1x10 = 10 km/h, nicht im Bild).


Ausfahrt U-Bhf Alexanderplatz Ri. Moll-/Otto-Braun-Str. Das Straßenbahnsignal zeigt F 0 (Halt!). Da dieses Signal im "Festprogramm" läuft, also nicht von der Anforderung durch eine Straßenbahn beeinflusst ist, konnte ich bei F 1 (Fahren, nur geradeaus!) meine Radtour fortsetzen. Bis dahin waren die Gleise tatsächlich beräumt, was an dieser Stelle leider nicht immer der Fall ist. Selbst für den Fall, dass ein Zug mangels Fahrgästen und Haltewunsch an dieser Haltestelle nicht halten müsste und die "Ampel" nicht funktionieren würde, müsste der Zug anhalten. Unterhalb der LZA (Lichtzeichenanlage) befindet sich das Signal Sh 1 (Zwangshalt): Kennzeichnet Stellen, an denen bei Fahren auf Sicht in jedem Fall anzuhalten ist.


Wie aus dem unten stehenden Kommentar ersichtlich, habe ich bei der Erläuterung übersehen, dass der Zwangshalt das Zusatzzeichen "LZA" trägt. Damit gilt dieser nur, wenn die Lichtzeichenanlage (LZA) eingeschaltet ist. Die Erklärung von Trammi , warum man sich dabei was gedacht, ist natürlich zutreffend.

Besonders unschön, dass ich überhaupt ein "Signal übersehen" habe.^^


Quelle: DFStrab BVG - Stand: 08.04, Anlage A (Signalbuch)


Dann hoffen wir mal, dass der Betrieb in wenigen Stunden wieder anläuft...


Grüße vom Lotushof

Comments 4

  • war da nicht noch die Wuhle? (erster bzw. zweiter Satz)

  • Die leere Kehranlage am Hackeschen Markt und die leeren Haltstellen erinnern irgendwie auch an LOTUS! :-D :-D

  • Der Zwangshalt auf deinem letzten Bild gilt nur bei eingeschalteter LZA (Zusatzschild LZA). Ist die Ampel aus kann man ohne Halt dran vorbeifahren. Das hat den Grund, da an diesem Signal das F4 (Punkt = Halt erwarten) fehlt. Da könnte eine heranfahrende Straßenbahn im schlimmsten Falle nicht mehr rechtzeitig bremsen und würde gegen F0 in den bereits anfahrenden Querverkehr rauschen.

    Im übrigen gibt es diesen Zwangshalt an nahezu jeder Haltestelle in dieser Konstellation aus HST und LZA, mir fällt spontan keine Stelle ein an der es nicht so ist.

    • Hallo,


      vielen Dank für den Hinweis. Ich habe durch die ganzen Aufkleber gestern schlichtweg das Zusatzzeichen "LZA" übersehen. Ich wüsste auch nicht, wo sich im Netz eine Haltestelle ohne einen solchen Hinweis findet. Das war natürlich bei den Sonderfahrten etwas lästig, dass man dann doch an jeder "Milchkanne" anhielt.


      Der Text wird entsprechend angepasst...


      Gruß vom Lotushof