Spannende Recherchen und wie ich den letzten Fahrgast der Hamburger Straßenbahn kennenlernte


  • Detlef Schulze-Hagenest und Rolf Westphalen vor dem Hamburger V3-Triebwagen


    Die Recherchen zu "Hamburg 78" sind immer wieder total spannend. Man lernt viel über seine Heimatstadt und deren Verkehrsgeschichte. Als ich letztes Jahr für Tonaufnahmen beim Straßenbahn-Museum am Schönberger Strand zu Gast war, unterstützte mich Detlef Schulze-Hagenest vom VVM vor Ort. Er fuhr mit mir auf der Museumsanlage mehrere Runden Hamburger Straßenbahn während ich Fahrgeräusche aufnahm. Dabei kamen wir ins Gespräch und er erzählte mir, dass er der letzte Fahrgast der Hamburger Straßenbahn gewesen sei. Wer kann das schon von sich behaupten?


    Aktuell habe ich in unserer wöchentlichen Galerie "50 aus 78" den Wagen 3628 vorgestellt. Wie sich bei den Recherchen herausstellte, war das der allerletzte Straßenbahnwagen der am Abend des 1. Oktober in Lokstedt einrückte. Also müsste Detlef ja dann in diesem Wagen mitgefahren sein.


    Und da passt es doch zeitlich auch, die Geschichte vom letzten Fahrgast der Hamburger Straßenbahn hier noch mal vorzustellen. Detlef hatte sie vor einigen Jahren niedergeschrieben und mir gestattet, sie hier zu veröffentlichen. Vielen Dank Detlef!


    Hier also die Geschichte von Detlef, dem letzten Fahrgast der Hamburger Straßenbahn! :)


    Ich war der letzte Fahrgast der Hamburger Straßenbahn. Ein sehr persönlicher Rückblick auf den 1.10.1978

    von Detlef Schulze-Hagenest, Molfsee



    Ich war von meinem damaligen Wohnort in Kaiserslautern natürlich zum Abschied der Straßenbahn in meine Heimatstadt nach Hamburg gereist und hatte am letzten Betriebstag noch einmal das Fahren in überfüllten Hamburger Straßenbahnen genossen. Am 1.10.1978 gab es dann noch einige Stunden Sonderverkehr parallel zum Regelverkehr mit Zweiachsbussen auf der neuen Linie 102.


    Am Nachmittag sammelten sich dann die letzten Fahrzeuge zu einem Konvoi, der zum Betriebshof Lokstedt führen sollte. Einem älteren Fahrer rollten die Tränen über die Wangen und so passiert es auch heute noch, wenn ich daran denke. Der Konvoi wurde von einem VW-Bus mit Rundumlichtangeführt und ich fand einen Stehplatz im ersten Wagen. Der VW-Bus fuhr in einem Tempo, dassdie Fahrer ständig die Fahrschalter rühren mussten und mein Fahrer meinte nur, dass der Bus-Fahrerwohl nie eine Straßenbahn gefahren hatte. So ging es langsam nach Norden besorgt verfolgt vonDurchsagen der Zentrale, da ständig Fahrzeuge durch Demontagen betriebsunsicher wurden. In denWagen gab es natürlich heiße Diskussionen über die Hamburger Straßenbahn und ich erinnere michnoch an die Aussage eines HHA-Angestellten, dass eines sicher sei und zwar das es in Hamburg niewieder eine Straßenbahn geben wird.


    Schließlich kam die Entscheidung, dass die ersten sechs Wagen noch einmal nach Schnelsen fahren dürfen was wir auch taten. Auf den Rückweg trennte eine Ampel uns vom Führungsfahrzeug und der Fahrer konnte wohl das letzte Mal in der Hamburger Straßenbahngeschichte für einige Sekunden in die Dauerfahrstufen schalten. An der Haltestelle vor der Abzweigung zum Betriebshof "P" (Lokstedt) ließ eine schlechtgelaunte HHA-Führungskraft alle Wagen räumen und die vielenFahrgäste trotteten dann durch die Anlagen zum Betriebshof während die Wagen herumfuhren. Da beobachteten wir mit gemischten Gefühlen die übliche Prozedur: der Fahrer eilte zum Heckfahrstand und ein Rangierer nahm die Rolle an die Leine. Man wollte es sichtlich schnell hinter sich bringen. Dann fuhr der letzte Wagen vor: Er hatte keine Inneneinrichtung, da er auf dem Rathausmarkt in der Westschleife als Ausstellungswagen gestanden hatte. Die vorderen Türen waren offen und der Fahrer eilte nach hinten. Kurzentschlossen sprang ich hinein und schon setztesich der Wagen rückwärts in Bewegung. Dann ging es ganz schnell: Zwei Wachmänner in der Bahn ergriffen mich und schmissen mich in hohem Bogen aus der Bahn so dass ich unsanft auf den hartenBoden des Betriebshof gelandet bin. Sekunden später war die Straßenbahngeschichte in Hamburg(zumindest vorerst) zu Ende.


    So war ich wohl der letzte Fahrgast der Hamburger Straßenbahn, der letzte Schwarzfahrer und wohl auch (hoffentlich) der einzige Fahrgast, der von HHA-Straßenbahnpersonal jemals aus einem fahrenden Wagen geworfen wurde!Für mich hatte sich damit das Kapitel Hamburg weitgehend beendet. Ich bin nur noch für kürzereZeiträume in meine Heimatstadt zurückgekehrt und habe lange in den Straßenbahnstädten Stuttgartund München gelebt. Jetzt wohne ich in der Nähe unserer Museumsstraßenbahn SchönbergerStrand, und habe meine Straßenbahnzukunft in eigene Hände (und die der Kollegen gelegt).


    Entscheidungen von Wählern und Politikern bin ich zumindest in dieser Hinsicht nicht mehr abhängig!



  • RW1HH

    Approved the thread.